Graduiertenkolleg der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Gefördert durch die Landesforschungsförderung Hamburg.

In Kooperation mit dem Zentrum für Performance Studies, dem Exzellenzcluster Integrated Climate System Analysis and Prediction (CliSAP) und dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg.

Prof. Dr. Hans-Joachim Lenger, Sprecher, Prof. Michaela Melián, Sprecherin.
Peter Müller, künstlerisch-wissenschaftliche Koordination: +49 (0)40 – 428989 - 374
Koordinationsbüro: Wartenau 15, 22089 Hamburg
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Falsche Körper //ohne Körper

Joke Jansen

Resonanzen des Virtuellen. Das Bewegungs-Profil und das Zeit-Profil der Musik

Benjamin Sprick

Digitales Reisen. Visuelle technische Neuerungen von Online-Kartendiensten in der Gegenwartskunst

Johannes Oldendorf

Futur II: es wird gewesen sein. Möglichkeiten vorwegnehmender Einschreibung

Anna Tautfest

Barock 2.0

Joachim Glaser

Von Realitätszombies, virtuellen Performern und abwesenden Zuschauern. Künstlerisch-wissenschaftliches Forschungsprojekt über ein neues Verhältnis

Helgard Irene Haug

From Universe's View. Zur bildpolitischen Bedeutung der vertikalen Perspektive

Vera Tollmann

Die Virtualität der Verwüstung. Nukleare Landschaften und ihre Abbildbarkeit

Eva Castringius

Eine zukünftige Geschichtsschreibung der Gegenwart

Tobias Muno

Der Baum und die Wurzel zeichnen ein trauriges Bild des Denkens. Über Formen der Bildkombinatorik in der Post-Internet-Art (AT)

Merle Radtke

Animismus und Figuren der Verlebendigung in visuellen Medien

Christian Blumberg

Die Vermessenheit von Google Maps

Moritz Ahlert

Ästhetiken des Virtuellen 


An der HFBK Hamburg nahm im Januar 2015 das wissenschaftlich-künstlerische Graduiertenkolleg »Ästhetiken des Virtuellen« seine Arbeit auf. Das auf insgesamt drei Jahre angelegte, interdisziplinär ausgerichtete Kolleg kooperiert mit dem Zentrum für Performance Studies, dem Exzellenzcluster Integrated Climate System Analysis and Prediction (CliSAP) und dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg.

Techniken des „Virtuellen“ gewinnen seit einigen Jahrzehnten an gesellschaftlicher und künstlerischer Bedeutung. Die ästhetische und epistemische Struktur des „Virtuellen“ ist dagegen bislang unscharf geblieben. Diesem Desiderat widmet sich das Graduiertenkolleg „Ästhetiken des Virtuellen“. Zehn Stipendiat/innen sollen die Möglichkeit erhalten, im Rahmen des Promotionsprogramms der HFBK wissenschaftlich und künstlerisch zu forschen.

Sie werden dabei von Künstler/innen und Wissenschaftler/innen der HFBK und der Universität Hamburg intensiv begleitet. Die inhaltliche Auseinandersetzung wird in interdisziplinären Kolloquien, Symposien, Vortragsreihen, Seminaren und Methodenworkshops vertieft. Über Ausstellungen, Aufführungen und Publikationen tritt das Kolleg an die Öffentlichkeit.

Stark vereinfacht lassen sich verschiedene Schichten im Begriff des „Virtuellen“ ausmachen:

1. Aktuell verwendet, ist er zunächst von digitalen Techniken inspiriert, in denen er mit Ideen einer „Simulation“ (Jean Baudrillard) von Wirklichkeiten einhergeht, die sich von der „realen“ abkoppeln und eigenen Logiken folgen. So erschaffen Internet-Foren, Welten eines „Second Life“ oder Computerspiele angeblich „virtuelle Welten“, die alle Merkmale des Scheinbaren aufwerfen. „Wirkliche“ und „virtuelle“ Welt werden dabei einander strikt entgegengesetzt.

Wo Begriffe des „Virtuellen“ von hier aus in den weiteren Sprachgebrauch eingingen, bezeichneten sie eine „Projektion“ von Datenstrukturen in die materielle Wirklichkeit, die unter Bedingungen einer „technischen Performativität“ erzeugt wird: als Schein, Trugbild oder halluzinierte Wirklichkeit.

Zweifellos reflektiert dieser Ansatz tatsächliche Prozesse in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern. Nicht nur die elektronischen Medien, auch weite Bereiche des Designs legen Zeugnis davon ab, dass Formungen zusehends aus digitalen Programmen (spline modelers, Visualisierungen von Daten) und Maschinerien (3D-Printer) generiert werden. Wo sich insbesondere der Begriff des Designs etwa zum „Soziodesign“ ausweitete, so belegt dies, dass auch ökonomische, soziale, politische und technokratische Strukturen zusehends „Virtualitäten Erster Ordnung“ aufweisen, was neue Fragen und Probleme im Bereich des Wissens wie der Künste hervorbringt.

So haben sich in der kunsthistorischen und bildwissenschaftlichen Forschung in den letzten Jahrzehnten neue Disziplinen, die der Digital Art History und der Digital Visual Cultures, formiert, die sich mit der Ästhetik des Virtuellen und Digitaler Kunst (Data Art, Software Art, Virtual Art, Mapping Art) auseinandersetzen.

2. Diese „Virtualitäten erster Ordnung“ gehen mit spezifischen Techniken einher, die eine „Virtualität zweiter Ordnung“ erzeugen. Sie sind nicht mehr getrennt von den gesellschaftlichen Wirklichkeiten. Ebenso wenig artikulieren sie das Diktat einer übergeordneten, nicht-sinnlichen Hierarchie, die Macht über die Wirklichkeit gewänne, wie es eine latente Paranoia nahelegt. Gerade unter heutigen Bedingungen einer technischen Miniaturisierung und vielfacher Schaltbarkeit wandern solche Techniken in die Poren der Wirklichkeiten selbst ein, sind höchst real und erweisen ihre Virtualität zugleich in vielfachen „Wendbarkeiten“ (Hans-Dieter Bahr), die Dingen und Verhältnissen eine unvorhersehbare Richtung geben können. Zu nennen sind z.B. das Erstellen von Bewegungs- und Interessenprofilen von Personen, durch das Subjektivierungen mitbedingt und Wünsche abgetastet, antizipiert und erzeugt werden. Zudem gewinnen Theorie der Neuen Medien und der Diskurs um sogenannte „Big Data‘ stetig an Relevanz und spiegeln sich in Info-Ästhetik und Digital Design wieder.

Zugleich setzen hier Symbolisierungsweisen und künstlerische Praktiken ein, die andere Arten der Subjektivierung und Kollektivbildung initiieren. Unablässig zwischen „Anwendung“ und „Wendbarkeiten“ iterierend, eröffnen sich – jenseits hierarchischer Strukturen – neue und unbeherrschbare Mikro-Zeiten und -Räume, in denen sich Wahrnehmung, Kooperation und Lebenswelten sprunghaft verändern. Sie verteilen Sichtbares und Unsichtbares, Sagbares und Unsagbares, Darstellbares und Undarstellbares in unterschiedlicher Weise und gruppieren deren Beziehungen um.

Spätestens an diesem Punkt werden künstlerische Erfahrungen zum Verständnis gegenwärtiger Prozesse produktiv, weil sie Fragen nach dem Ineinander von „Künsten“ und „Techniken“ aufwerfen. Denn stets bewegten sich die Künste im „Virtuellen“, wenn sie an Problemen der „Schöpfung“, also des Entstehens, dessen Regeln und dem Entstandenen arbeiteten.

3. Weiter noch als diese Ansätze, die das Virtuelle nur als Projektion einer technologischen Struktur ins Wirkliche oder als Spiel von Anwendungen und Wendbarkeiten im Realen verstehen, reichen „Virtualitäten dritter Ordnung“. Gegenwärtige philosophische Fragestellungen betreffen den Status des Realen selbst. So weist Gilles Deleuze alle Versuche zurück, das Virtuelle dem Realen entgegenzusetzen; es sei vielmehr selbst eine seiner Dimensionen. Gegen eine begriffliche Anordnung, die sich auf die Beziehungen von Wirklichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit stützte, messen solche Philosophien dem Virtuellen entweder seinerseits Realitätsgehalt zu, oder sie lassen die Wirklichkeit aus einem Virtuellen aufsteigen, das dieser Wirklichkeit vorgängig und von ihr unablösbar ist.

Wie aber lässt sich das Ineinander von Virtuellem und Realem fassen? Welchen Verschiebungen unterliegen insbesondere Ordnungen von Raum und Zeit, wenn sie ihrerseits virtuellen Charakter tragen? Selbstverständlich lassen sich diese drei „Ordnungen“ nicht strikt voneinander abgrenzen. Insofern tragen sie lediglich methodischen Charakter. Unablässig interferieren sie und gehen ineinander über und erzeugen eine Unruhe, der das Forschungsprogramm des Kollegs nachgehen wird.

Auf drei Jahre angelegt, soll sich das Kolleg auf fünf Schwerpunkte konzentrieren, die für jeweils ein halbes Jahr im Zentrum von Debatten, Vorträgen, Konferenzen und Symposien stehen. Dabei sollen die Doktorand/innen Gelegenheit erhalten, ihre Forschungsfragen und -ergebnisse eingehend zur Diskussion zu stellen. Diese Schwerpunkte lassen sich folgendermaßen skizzieren:

Techniken

Derzeit vollziehen sich neuartige Verschiebungen und Überlagerungen von „physischen“ und „virtuellen“ Räumen, bei denen Simulationstechniken nicht nur zur Generierung von „virtuellen Welten“ eingesetzt werden, sondern Wirklichkeiten modellieren und in „physischen“ Räumen intervenieren. Gegenwärtige Mikrotechnologien – Handys, 3-D-Printer, Computer, Bewegungs-sensoren usw. – sind ebenso selbstverständliche Werkzeuge und Medien der künstlerischen Produktion. Sie werden wirksam in Grafik und Typografie bei der Gestaltung von eBooks oder der sich verändernden Kulturpraxis „Lesen“. Sie finden sich in der Fotografie und der Manipulierbarkeit digitaler Bilder. Sie betreffen das Design genauso wie die Bildhauerei, in der Objekte am Computer entworfen und an der CNC-Fräse hergestellt werden. Musiker und Filmemacher diskutieren Fragen nach Copyright und Copyleft nach dem Modus des Filmens in Zeiten von YouTube. Dies gilt jedoch genauso für die Berechnungen des Klimawandels genauso wie für Entwicklungen von Militärtechnologien, die als künstlerische Experimente im Cyberspace und in Computerspielen vormodelliert wurden. Aber auch die Realitäten des Finanzmarktes, die Techniken der „Geldschöpfung“, die mit der Kreditaufnahme zusammenfallen, verweisen auf eine künftige, gleichsam „virtuelle“ Verwertung, die sich an einem unbestimmten Punkt „realisieren“ soll. Dieser Punkt entspricht der Überforderung einer Gegenwart, die gleichsam implodiert. Von den neuen Militärtechnologien (Drohnen), Überwachungstechniken und dem Cyberwar bis hin zu Cyborgs und Mind Enhancement reichen die Folgen einer Virtualisierung, die Selbstbilder und -verständnisse fundamental zur Disposition stellt. Die Auseinandersetzungen mit Techniken des Virtuellen kulminieren in der Frage, in welchem Verhältnis eine Kunst der Ermöglichung zu Techniken der Überwachung, Kontrolle, Regulierung und Vernichtung steht. Von hier aus soll reflektiert werden, in welchen Bereichen auf Simulation basierende Weltmodelle die Wirklichkeit und Wahrnehmung physischer Räume und die Entwicklung von Handlungsmodellen determinierten.

Sichtbarmachungen

Technologien der Visualisierung haben das Ziel der Aufklärung, Licht – mithin Anschaubarkeit – in die Dinge zu bringen, immer schon mit einer Kehrseite versehen. Wo das Sichtbare etwa durch optische Geräte und Interpretationen des Gesehenen erweitert wurde, bildete sich in ihm die Dunkelzone eines „Spuks“ ein: Berührungen mit dem Unheimlichen, Phantastischen oder Surrealen haben insofern selbst eine „Sehgeschichte“. In der Auseinandersetzung mit Sichtbarmachungen soll deshalb eine Doppelbewegung (nach)vollzogen werden. Einerseits soll die Produktion von Sichtbarkeit hergeleitet werden, die aus dem Unsichtbaren aufsteigt, wobei die historisch je differente Funktion von Medien in den Blick gerät. Andererseits – und dies ist noch wesentlicher – soll von der Sichtbarkeit auf die Unsichtbarkeit zurückgekommen werden. Es gilt, sie im Sichtbaren als Zurichtung und ästhetische Funktion auszumachen, die eine „Wirklichkeit“ des Sichtbaren nicht zuletzt an die Wirksamkeit des Unsichtbaren knüpft. Damit kommen, neben der Tarnung oder Camouflage, auch Mimikry und Mimese ins Spiel. So ermöglicht das (partielle oder relative) Unsichtbarwerden eine erhöhte Sichtbarkeit, die etwa im Falle der postkolonialen oder einer geschlechtertheoretisch gewendeten Mimikry und Maskerade emanzipatorisches Potential entfaltet. Es verleiht der Virtualität – wie die Wortgeschichte (Vir) zu erkennen gibt – eine Wendung, die sich einer genealogisch männlich tradierten Ermächtigung zur Führung von Regierungs- und Kriegsgeschäften entzieht. Da zudem Tarntechniken als spezifische moderne Oberflächengestaltung historisch eng mit der „Erfindung der Abstraktion“ verbunden sind, gilt es auch die Abstraktion als Epoche und künstlerische Haltung erneut in den Blick zu nehmen.

Wiederholungen und Differenzierungen

Dieser Schwerpunkt reflektiert die künstlerisch-wissenschaftliche Erforschung des Wirklichen in seiner virtuell-aktuellen Vieldeutigkeit. Die Fokussierung auf die dem Wirklichen immanente Wendigkeit eröffnet Verschiebungen im ästhetisch-philosophischen wie künstlerischen Feld, insofern die begriffliche Entgegensetzung von Original und Kopie, von Produktion und Reproduktion in Fragen von Wiederholung und Differenzbildung eingeht. Insbesondere in Zeiten der Globalisierung der Kunst erscheint es unumgänglich, ästhetische und epistemische Setzungen als Arten der Wiederholung, ihrer Intensivierung und Neukontextualisierung zu analysieren und darin die minimale Differenzbildung hervorzukehren, die ihnen eine gewisse ästhetisch-erkenntniskritische Partikularität verleihen. Künstlerisch-wissenschaftliche Forschungen hängen zusehends von den Modi der Zusammenstellung und Miteinbeziehung von Faktoren der Rahmung und Zeitgebung, ihrer möglichen interkulturellen Relationierung, aber auch ihrer technologischen Präsentation und Distribution ab. Hier werden Fragen der selbstreflexiven Wiederholung, der kritischen Aneignung mittels ästhetischer Abänderung oder Neukontextualisierung, der bewussten und umwertenden Zitation, der Vielfachbezugnahme auf auch anders-kulturelle Artikulationen relevant. Damit nähert sich das Kolleg auch naturwissenschaftlich-soziologischen Überlegungen an, wie sie von Bruno Latours „Actor-Network-Theorie“ vorgetragen wurden. Latour entlässt nicht nur bis dato unwahrgenommene Momente aus ihrer Virtualität, sondern entwickelt eine neue „physikalische Soziologie“. In verwandter Weise entfalten heute selbstreflexive künstlerisch-wissenschaftliche Forschungen zwischen Aktualisierung und Virtualität changierende, „inter-disziplinäre“ Artikulationen und andere Ästhetiken: Bezeichnungen wie „Docufiction“ künden davon. Vor allem aber erfordert das veränderte Wirklichkeitsverständnis die gleichzeitige Reflexion der künstlerischen, epistemischen und technologischen Zugriffe in ihrer wechselseitigen Voraussetzung, ihrer Wiederholung und Differenz, der wir mit der Aufsplitterung der Virtualität in ihre Teilkonnotationen und mit deren gleichzeitiger Analyse zu entsprechen suchen.

Mediale Revolutionen

Mediale Revolutionen der vergangenen Jahrzehnte haben eine Fülle von Fragen hervorgebracht, die sich auf eine zunehmende Verquickung wissenschaftlicher, künstlerischer und technischer Dispositive beziehen. Unübersehbar ist zum einen, dass technokratische Strukturen der Macht zusehends von semiokratischen Logiken durchsetzt und verschoben werden, wie sie mit technisch-medialen Entwicklungen einhergehen. Überall sind es maschinierte Zeichensysteme, die in vielfacher Weise – technisch-medial implementiert – gesellschaftliche Beziehungen, öffentliche Räume, Machtverhältnisse, Körper- und Bewusstseinsverfassungen sowie Wahrnehmungsweisen konditionieren. Was Philosophen wie Gilles Deleuze die „Kontrollgesellschaft“ nennen, die an die Stelle tradierter disziplinarischer Mächte trete, bezeichnet neue Verfassungen gesellschaftlicher Wirklichkeiten: Sie verlangen nicht nur nach neuen Begriffen, sondern ebenso nach neuen Formen der Strukturierung einer Wahrnehmung und Körperverfassung, die auf solche Zeichenregimes widerständisch antworten könnten.

Zugleich setzt diese Entwicklung Virtualitäten frei, die sich dem Kalkül entziehen, indem sie nicht weniger unkontrollierbare Effekte freisetzen. Mikrotechnologien wie Handys, Kameras, Blogs oder Internet-Schaltungen spielten nicht nur in den arabischen Aufständen eine gewichtige Rolle, wo sie koordinierend auf die Aufständischen einwirkten. Auch in hochentwickelten Systemen des Westens unterlaufen Medientechnologien die zentralisierten Apparate und setzen sie wachsenden Erosionen aus. Die Krise der Zeitungen, der öffentlichen Rundfunk- und Fernsehmedien und die offene Frage, wie sie auf die medialen Entwicklungen reagieren können, belegt dies. Tatsächlich mikrologisieren sich auch heterogene Öffentlichkeiten und entziehen sich wachsend dem Zugriff einer medialen „Zentrale“.

Ökonomische und soziale Determinationen reichen nicht aus, um solche Prozesse zu analysieren. Jeder Aufruhr stellt die hegemonialen Zeichenregimes in Frage, reißt deren Semiologien aus bestehenden Ordnungen heraus, konfiguriert sie neu und verwandelt sie in Elemente differenzieller und differierender Stasen. Fragen einer aisthesis spielen hier eine entscheidende Rolle. Ihnen korrespondieren Semiosen, die das gesellschaftliche Gefüge in Virtualitäten durchlaufen und erschüttern. Nicht zuletzt in den Künsten finden sie ihre Vorboten und Sensorien. Von hier aus soll die Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen „Kunst“, „Medien“ und „Revolten“ ins Zentrum rücken. Welche Bedeutung etwa haben ästhetische und mediale Zeichenordnungen oder Semiosen, welche Wirkung hat die Musik im Innern eines vielfachen Aufruhrs, und welcher andere Umgang mit technischen Medien und künstlerischen Erfahrungen gruppiert mit ihm die Beziehungen von Sinnlichkeiten und Denken um? Wie also kann revolutionäre Militanz aus anderen Kreativitäten als den revolutionstheoretisch traditionellen hervorgehen?

Zeit und Zeitlichkeit

Strukturen der Zeit werden zusehends von Rissen und Turbulenzen heimgesucht, die mit Linearitäten brechen, zeitliche Horizonte kollabieren lassen und jede Kontinuität eines einfachen „Verlaufs der Zeit“ erschüttern. Bereits auf der Ebene alltäglicher Phänomenologien prägt das Ineinander eskalierender Geschwindigkeiten und lähmender Bewegungsunfähigkeit Lebensvollzüge und Wahrnehmungsweisen: die Erfahrung eines „rasenden Stillstands“ (Paul Virilio) durchsetzt Biografien bis in ihre Mikrologien hinein. In politischen, militärischen, sozialen und kulturellen Bereichen brechen Ungleichzeitigkeiten auf, die – etwa in terroristischen Bewegungen – das Design archaischer Mytheme mit modernsten Informations- und Waffentechnologien verschränken, um bewaffnete Konflikte „asymmetrisch“ werden zu lassen. Auch ökonomisch implodiert die Linearität der Zeit. Basierte das Prinzip der Kreditierung und Verschuldung einst auf der unbegrenzten Vertagung ausstehender Ansprüche auf eine Zukunft, so bricht das Unbegrenzte als „algorithmic trading“ in die unmittelbare „Gegenwart“ ein. Zeitlichkeit wird subtil verwüstet und zersplittert in ein ‘Dickicht nichtlinearer historischer Entwicklungen‘ (Joseph Vogl). Philosophisch und kulturtheoretisch wird die Vorstellung zeitlicher Kontinuitäten aufeinander folgender „Gegenwartspunkte“ spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Frage gestellt, und in den Gebilden der Kunst artikulierten sich stets schon andere Zeitlichkeiten als die des kontinuierlichen Verlaufs und einer geordneten Abfolge identifizierbarer „Zeitabschnitte“. In eskalierenden Schüben brechen in zeitlichen Ordnungen gesamtgesellschaftlich Virtualitäten auf, die jede „Planung“, jeden „Entwurf“ einer „Zukunft“ wachsend vereiteln und die Vermögen jeder „Prognostik“ zusehends überfordern. Entwicklungen werden ebenso unkalkulierbar wie die Einschätzung ihrer Risiken: nicht von ungefähr wurde das Bewusstsein der Gegenwart wachsend zu einem ihrer auch katastrophischen Möglichkeiten. Eine wissenschaftliche wie künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen, wie sie das beantragte Kolleg ins Auge fasst, soll präzisieren, wie wissenschaftliche und künstlerische Verfahren diesen Virtualitäten der Zeit Rechnung tragen können. Probleme einer Wiederholung treten dabei in den Vordergrund. Sie betreffen Fragen der Gestaltung ebenso wie die epistemischer Systeme.

„Ästhetiken des Virtuellen“ sollen ebenso wissenschaftlich wie künstlerisch untersucht werden. Die oben beschriebene Spreizung von Sinn und Gebrauch des Begriffs der „Virtualität“ spiegelt sich bereits in den künstlerisch-wissenschaftlichen Praktiken an der HFBK: Gerade seine Varietät spiegelt die Bandbreite der künstlerisch-wissenschaftlichen Arbeit an einer Kunsthochschule.

Das Kolleg richtet sich deshalb nicht zuletzt an Künstlerinnen und Künstler, die sich gleichzeitig als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verstehen. Die Arbeit des Kollegs wird ebenso künstlerisch-experimentelle wie wissenschaftlich forschende Dimensionen aufweisen. Im interdisziplinären Austausch zwischen beiden Spezialisierungen sollen sich die beschriebenen Ordnungen durchdringen und ineinander einsprechen. Fragen nach den Virtualitäten des Künstlerischen werden nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive (also kulturwissenschaftlich, philosophisch, ästhetisch ...) untersucht, sondern auch in künstlerischen Experimenten, die dann in den jeweils spezifischen Formen der Exposition und Darstellung Eingang in die Präsentation von Ergebnissen finden. Die Kreativität von Hervorbringungen soll, anders gesagt, nicht zum „Gegenstand“ möglichen Wissens, sondern vielmehr zum Teil seiner Generierung werden. Die Forschungsvorhaben können also wissenschaftlich-theoretisch, künstlerisch-forschend sein – oder ein „Hybrid“. Diese Vielschichtigkeit methodischer Zugänge ist selbst Reflexionsgegenstand des Kollegs, das sich neben seiner inhaltlich-thematischen Auseinandersetzung auch als Experiment einer „forschenden Kunst“ versteht. Diese Arbeitsweise korrespondiert mit den künstlerisch-wissenschaftlichen Lehr- und Forschungsverfahren, wie sie in den Performance Studies an der Universität Hamburg anzutreffen sind. Es obliegt den zukünftigen Kollegiat/innen, den gesetzten Rahmen durch eine je eigene wissenschaftlich-künstlerische Arbeit auszufüllen. Dieser offenen, transdisziplinären Arbeitsweise folgend, werden sich die Forschungsresultate in heterogenen Medien (Buch, Bild, Film, Ausstellung, Performance usw.) niederschlagen.

Interne Veranstaltungen

Workshop
08/01/2015

mit Dr. Elke Bippus
Professorin für Kunsttheorie und -geschichte an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

Leitung Vertiefung Bildende Kunst im BA Medien&Kunst, Mitarbeiterin am Institut für Theorie (ith)

Workshop
22/01/2015

mit Julia Scher
Professorin für Medienkunst/Multimedia und Performance Surveillant Architectures an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM)

Workshop
05/02/2015

mit Jörg Franzbecker, freier Kurator, Berlin

Seminar
Sommersemester 2015

„Virtuelles in Ästhetik / Philosophie / Kunstwissenschaft und Technologie“

Seminar
im thematischen Anschluss an den Vortrag „Sexistenz“ von Jean-Luc Nancy
19/05/2015

mit Dr. Jean-Luc Nancy,
Prof. em. für Philosophie an der Université Marc Bloch, Strasbourg
Georg Wilhelm Friedrich Hegel Chair an der European Graduate School (EGS), Saas-fee, Schweiz

und Dr. Georg Christoph Tholen
Ordinarius em. für Medienwissenschaft mit kulturwissenschaftlichem Schwerpunkt an der Universität Basel

Workshop
02-03/07/2015

mit Natalie Bookchin, Künstlerin und Professorin für Medien an der Mason Gross School of the Arts an der Rutgers University

Seminar
Wintersemester 2015/16

Fortsetzung „Virtuelles in Ästhetik / Philosophie / Kunstwissenschaft und Technologie“ „Un/Sichtbarkeit: grundlegende Lektüren zu medienhistorischen, medientheoretischen, kunstwissenschaftlichen und künstlerischen Fragen an Modellen von Sichtbarkeit“

Workshop
04-05/11/2015


mit Dr. Ines Schaber
Professorin im Programm für Photography and Media am California Institute of the Art


Workshop

03/12/2015


mit Dr. Ingrid Cogne (Akademie der Künste Wien) und Dr. Mareike Bernien (Kunsthochschule Kassel)

Doktorand/innen

Moritz Ahlert

Christian Blumberg

Eva Castringius

Joachim Glaser

Helgard Irene Haug

Joke Jansen

Tobias Muno

Johannes Oldendorf

Merle Radtke

Benjamin Sprick

Anna Tautfest

Vera Tollmann

Lehrende

Prof. Wigger Bierma

Typografie

Prof. Dr. Friedrich von Borries

Designtheorie

Prof. Robert Bramkamp

Experimentalfilm

Prof. Thomas Demand

Bildhauerei (Schwerpunkt Fotografie)

Prof. Jesko Fezer

Experimentelles Design

Prof. Dr. Gabriele Klein

Soziologie / Bewegungswissenschaft / Performance Studies

Prof. Martin Köttering

kuratorische Begleitung, Kunstvermittlung

Prof. Dr. Hans‐Joachim Lenger

Sprecher, Philosophie

Prof. Dr. Hanne Loreck

Kunst- und Kulturwissenschaften / Gender Studies

Prof. Michaela Melián

Sprecherin, Mixed Media / Akustik

Prof. Dr. Michaela Ott

Ästhetische Theorien

Prof. Anselm Reyle

Malerei

Koordinator

Peter Müller

künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeit

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